Die Lebensphänomenologie

Grundlagen

Die Lebensphänomenologie (Phénoménologie de la Vie) wurde zuerst von dem international anerkannten französischen Philosophen MICHEL HENRY (1922-2002) begründet.
Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Leben als solches erscheint. Denn alles, was ist, muss von uns gelebt werden, um in seinem Erscheinen sein zu können. Damit ist „Leben“ in diesem phänomenologischen Sinne die einzige Realität und Gewissheit. Sie ist keine Gewissheit, die theoretisch erlernt oder bewiesen werden muss, sondern eine solche Gewissheit, die unmittelbar empfunden wird. Empfindung, Eindruck, Gefühl sind daher gleichwertige Namen für das unmittelbare Leben, das ich bin. Es gibt kein Gefühl, welches nicht „Ich“ sagen würde, denn Empfinden und Fühlen gibt es nur als je mein Leben. Es begründet damit die Würde jedes einzelnen Lebens in seiner Unverwechselbarkeit,



In jedem Augenblick zu wissen, dass ich absolut lebendig bin, ist mithin ein „Wissen“, welches sich unmittelbar selbst weiß, ohne dass theoretisch darauf reflektiert werden müsste. Das Leben in diesem rein phänomenologischen Sinne ist deshalb ein ständiges Wissen um sich selbst im praktischen Vollzug. Infolgedessen trägt jeder den Schatz seines Lebens in sich selbst, und zwar im je einmaligen Jetzt, welches in seinem Erleben durch nichts anderes ersetzt zu werden vermag. Denn in jedem Augenblick errichtet sich auf diese Weise im Erleben die Welt mit all ihren Erscheinungen für uns. Erscheinen und Erleben sind aus diesem Grunde untrennbar miteinander verbunden, weil das Leben selber letztlich den absoluten Grund des Erscheinens ausmacht, das heißt, es ist das innere Selbsterscheinen des Erscheinens. Wir beleben somit durch unsere so begründete sinnliche Wahrnehmung die Welt von der allernächsten Umgebung bis hin zu den entferntesten Galaxien hin, indem wir allem Gestalt und Farbe verleihen. Die jeweils sinnliche Form, welche im Erleben als Empfindung und Eindruck gründet, ist somit das „Fleisch“ der Welt, ihre jeweilig innere Verlebendigung als Gefühl.

Dementsprechend ist jeder selbst - und kein anderer - der Maßstab dafür, was „Leben“ in diesem ursprünglichen Sinne ist. Das Leben kann daher nicht in der Welt sein, sondern die ganze Welt, einschließlich meiner selbst als sichtbarer Person, ist vielmehr im Leben. Da so alles im rein phänomenologischen oder subjektiven Leben ist, muss letztlich auch alles von diesem Leben her verstanden werden, von ihm aus gelebt werden. Wenn man sich daher schließlich fragt, was uns im Leben eigentlich trägt, dann ist es die Urerfahrung des Getragenseins selber - jene Energie oder Kraft, durch die alles ist, auch wenn dieses „Durch“ niemals in einer Idee oder Vorstellung eingefangen werden kann. Auf die verschiedenen Bereiche der zuvor erwähnten Theorien und Disziplinen angewandt, bedeutet dies, dass so ihre Voraussetzungen und Implikationen im Ausgang von den lebensphänomenologischen Grundgegebenheiten her angemessen erkannt werden können.

In einer Welt, in der heute immer mehr zumeist nur noch das materiell Fassbare, das materiell Berechenbare, das funktional Einsetzbare und somit Ersetzbare als einzig anzustrebender Wert angepriesen wird, zieht sich notwendigerweise das nicht-meßbare, nicht-funktionelle, nicht-kontrollierbare Lebendige zurück - und dann verliert der Mensch seinen unmittelbar inneren Zugang zu diesem seinem Leben. Lebensphänomenologie ist also Vollzug von Leben aus dem Leben selbst heraus, um im Lassen von Vorstellungen und Meinungen jeglicher Art („Gegen-Reduktion“) sich dort wieder zu gründen, wo letztlich die einzige Gewissheit für jedes Individuum zu finden ist - nämlich im eigenen Empfinden und Fühlen („Selbstaffektion“) vor jedem Denken, Vorstellen sowie vor jedem Anspruch von Systemen wie beispielsweise Wirtschaft, Politik, Wissenschaft usw.

Da sich die Lebensphänomenologie noch vor allen Einzelerscheinungen im rein immanenten Leben gründet, betrifft sie jegliche gelebte Realität und kann somit in allen Bereichen zu einer Erneuerung im Sinne einer von allen erhofften Lebensselbststeigerung beitragen. Daher wendet sich diese Homepage LEBENSPHÄNOMENOLOGIE ÖSTERREICH nicht nur spezifisch an Philosophen, Pädagogen, Therapeuten, Ärzte, Theologen usw., sondern an alle, die am Ungenügen unserer heutigen Kultur als fast nur noch technischer Zivilisation leiden.

Curriculum Lebensphänomenologie

Curriculum.pdf

Die folgenden Inhalte der Lebensphänomenologie wurden von Rolf Kühn zusammengefasst und bilden die Grundlage der "Praxis der Lebensphänomenologie", wie sie im Institut für Lebensphänomenologie in Neuhofen/Ried im Innkreis ihre Anwendung findet und weiterentwickelt wird. Die deutschsprachige Gesamtliteratur hierzu ist auf der Homepage zugänglich und wird laufend aktualisiert.

1. Gewissheit, Evidenz, Glaube, Gefühl

Jedes Erkennen wie Handeln beinhaltet ein Verhältnis zur Wahrheit, insofern darin unser Anspruch auf Realität und deren Geltung eingelöst werden soll. Gegenwärtig herrscht der naturwissenschaftliche Begriff der Evidenz als Objektivität vor, die prinzipiell für alle gleicherweise einsichtbar sein muss. Glauben (Meinen) und Gefühl besitzen in dieser Hinsicht einen weniger angesehenen Erkenntnisstatus, weil sie als subjektiv im Sinne von beliebig oder veränderlich eingestuft werden.

Aber allein eine radikal verstandene Subjektivität erlaubt tatsächlich Gewissheit, weil jede Realität erlebt werden muss, um als Phänomen für uns erscheinen zu können. Das innere (immanente) Erleben bildet daher die Grundlage für den effektiven Wahrheitszugang, denn das "Wie" des Erlebens als unsere Erfahrung oder Selbsterprobung ist die Erscheinensweise des Wahren selbst. Dies gibt den prinzipiellen Grund dafür ab, warum die Praxis der Lebensphänomenologie vom reinen Gefühl ausgehen kann, insofern letzteres jeweils die individuell konkrete Form der Subjektivität als innerer Gewissheit darstellt.

Dieser Zusammenhang ist als der phänomenologische Wahrheitsbegriff zu sehen, wie er als "Leben" verstanden wird. Es handelt sich daher um keinen biologischen Lebensbegriff, sondern um das rein phänomenologische oder absolute Leben als Erscheinensrealität von allem, was für uns "ist" oder "wird". Dieser lebendigen oder material phänomenologischen Gewissheit des "Lebens" kann keine Theorie als Erklärung mehr vorausgehen, da letztere bereits eine Abstraktion von ursprünglich sinnlichem oder affektivem Erfahren darstellt. Selbst die Welt kann kein letzter Garant des Zugangs zur Realität in ihrer Wahrheit sein, weil Weltbildung im phänomenologischen Sinne auf inneren Leistungen unserer Subjektivität beruht, mit anderen Worten auf Intentionalität und Horizont als den beiden entscheidenden Gegebenheiten unseres Bewusstseins und seiner Evidenz.

Intentionalität entwirft den Sichtbarkeitshorizont der Welt als Horizont schlechthin, in dem für uns alle Dinge mit ihrem Sinn, Wert, Zweck usw. erscheinen. Die Intentionalität selbst aber als lebendiger Vollzug ist an die ursprüngliche Affektion zurückgebunden, die als originäres Leben erst verstehen lässt, warum wir uns mit einem bestimmten Bedürfen, Begehren oder Interesse auf etwas hinwenden. Insoweit lässt sich für jeden von uns sagen, dass die wahrgenommene Welt als Sein, Realität oder inhaltliche Wahrheit in ihren jeweiligen Einzelheiten das individuelle Leben widerspiegelt, wie es sich selbst in seinem Empfinden affiziert.

Die Entwicklung der Phänomenologie vom Welt- und Sinnbegriff (Husserl, Heidegger) zur Lebensrealität hin (M. Henry) bedeutet dann die unverzichtbare phänomenologische Rückkehr zur Ursprünglichkeit des Gefühls, wie sie Scheler teilweise gesehen hat und auch für jede Psychologie unverzichtbar ist. Denn nur durch die Realität des Selbstempfindens lässt sich eine tatsächliche Individualität aufweisen, die in ihrer Würde wie in ihrem Ausdruck unverwechselbar ist – und als solche verstanden werden soll, bzw. sich selbst versteht.

2. Empfinden als Pathos

Die Evidenz der Vor-stellung entwirklicht den sinnlichen Inhalt des Denkens und Fühlens, weil sie eine Distanz zum unmittelbar Erlebten beinhaltet. Insofern ist auch jedes vorgestellte oder gedeutete Empfinden nicht mehr das anfängliche Leben in seiner affektiven Selbstgewissheit. Alles Empfinden oder Erleben ist in seiner ersten Unmittelbarkeit entweder Schmerz oder Freude, Lust oder Unlust, und zwischen diesen beiden Polen ein und derselben Affektivität bewegen sich als fließende Gefühlsveränderungen alle Modalisierungen des einen individuellen Lebens. Die phänomenologische Struktur solchen Erlebens in all seinen Punkten wird als Pathos bezeichnet, weil sich das Leben in jedem subjektiven Gefühl absolut an sich selbst weitergibt und somit auch gleichzeitig selbst erträgt.

Von dieser pathischen oder passiblen Grundgegebenheit des rein subjektiven Lebens gibt es keine letztmögliche Distanzierung. Aber die Einbildungskraft als Begehren, Kunst, Traum usw. erlaubt uns, für das innere Pathos des Erlebens Bilder oder Symbole seiner Verwirklichung – oder "Befreiung" – zu finden, die zugleich ein Hinweis auf unser inneres, je individuelles Können sind. Auch die Sprache hat hier ihren Ort, so dass sich praktisch ein Weg zur Gewissheit der je subjektiven Affektivität über das Pathos der Worte und Bilder oder Gesten als transparentem Ausdruck des rein individuellen Lebens ergibt.

Rein phänomenologisch wird jedes Gefühl in seinem lebendigen Pathos als Urimpression verstanden, das heißt als jene Weise, wie das Leben sich selbst in seiner inneren Gewissheit an sich selbst weitergibt, um zu leben. Diese radikale Selbstgewissheit des inneren Erlebens ist also niemals eine Vor-stellung (die sich prinzipiell irren kann), sondern die untrüglich unmittelbare Wahrheit des Affekts, der (sich) niemals täuscht. Für Descartes bildet diese Ursprünglichkeit des reinen Empfindens das nicht mehr bezweifelbare Cogito. Aber dieses "Ich denke" ist eben kein reflexiv oder hermeneutisch zu interpretierender Gedanke mehr, sondern eine unumstößliche Letztgewissheit, die mit unserer Leiblichkeit als Bewegung, Sinnlichkeit usw. selbst identisch ist.

Da Freud das Bewusstsein als latentes Bewusstsein verstand, ist das Unbewusste bei ihm zwar ein richtiger Hinweis auf die phänomenologische Eigenständigkeit des Affekts, allerdings mit Hilfe einer konstruierten Verdrängungstheorie, die nur die Vorstellung betreffen kann – und nicht den Affekt als Pathos. In diese Sichtweise reihen sich die meisten Psychologien und Psychotherapien ein, sofern sie das "Gefühlsleben" als ein durch Motivation, Gestalt, Biographie usw. zu erklärendes oder zu deutendes "seelisches Leben" betrachten. Dadurch erweisen sie sich vom philosophischen Denken bis heute abhängig, das mit Hilfe von Ideen, Vernunft, Wissen usw. das "eigentliche Menschsein" durch Erkenntnis oder Verstehen garantieren will. Für die Lebensphänomenologie ist jedoch Erkennen, Wissenschaft usw. nur immer eine Modalisierung des rein subjektiven Lebens, die nicht einseitig zu seiner ausschließlichen Leistung erhoben werden kann (vgl. Evidenz, Objektivität  oben).

3. Können und Nichtkönnen

Jede unserer Bewegungen und damit Handlungen, sofern sie nicht an Grenzen stoßen, ist von dem unmittelbaren Gefühl des Ich-kann getragen. Dieses Gefühl ist zunächst nicht als Vorstellung präsent, sondern als Vollzug des jeweiligen Tuns selbst. Solches Tun als innere oder "subjektive Praxis" wurzelt in der Selbsterprobung des rein phänomenologischen Lebens, welches nur ist, insofern es sich uns gibt, das heißt, als unser Leben vollzieht. Damit ist das Gefühl des Ich-kann die tiefste Offenbarung des Lebens selbst, die stets wiedergefunden werden kann, sofern sie verschüttet war. Denn wenn sich das Ich-kann in die Verzweiflung oder Traurigkeit des "Ich kann nicht (mehr)" verwandelt, weil das subjektive Leben scheinbar nicht mehr seiner eigenen inneren Selbststeigerung zu folgen vermag, dann gilt es zutiefst zu erfahren, dass auch noch das Nicht-Können ein "Können des Lebens" darstellt. Darauf basiert die "Praxis der Lebensphänomenologie" als Weg der je individuellen Selbstannahme.

Denn wie groß auch immer die augenblickliche Begrenzung sein mag, so ist das Leben mit all seinen inneren Möglichkeiten als phänomenologischen Potentialitäten nicht aufgehoben, da es sich weiterhin grundlegend affiziert. Was sich im Nicht-Können ändert, ist meine gedankliche Selbstvorstellung von der bisher angenommenen Identität meines Ich. Dieses äußere Bild meiner selbst wird über das Erleben des Nicht-Könnens an seinen reellen Ursprung des reinen Lebens zurückverwiesen, welches kein Bild der Vorstellung benötigt, um zu sein. Damit erwächst ein neues Können ohne notwendige Repräsentation des Ich, wodurch sich eine tiefer gegründete Habitualität des Handelns ergibt. Dieses ist dann nicht mehr durch einzelne Absichten oder Zwecke motiviert, sondern beruht letztlich auf dem reinen Selbstvollzug des jeweiligen Handelns, der sich als "mein" Leben genügt. In dieser Hinsicht ist auch die  innere Selbstgewissheit  meines  Könnens  nicht  mehr  von  den Einschätzungen Anderer abhängig (vgl. auch 5: Gewissen, Scham).

Dieser Übergang von Freude/Schmerz in Schmerz/Freude vollzieht sich gemäß der innersten Lebensstruktur als meine  anfänglich radikale Ohnmacht, Denn das Leid dieses Schmerzes beruht in der reinen Passibilität meines ursprunghaften Lebens, welches mich zunächst nicht gefragt hat, um zu sein, was es ist. Das reine Ertragen des Lebens im Unglück und in der Verzweiflung der Ohnmacht entspricht daher dem innersten Sich-selbst-Ertragen des Lebens, das absolut an sich selbst gebunden ist, um sich in der Freude seiner selbst weiterzeugen zu können, worin meine "absolute Geburt" im Leben als tatsächliche Identität meines Ich besteht. Mein Nicht-Können führt so zur tiefsten Selbstmitteilung des Lebens: dass ich bin und sein kann, ohne irgendetwas als Verdienst oder Leistung einbringen und vorweisen zu müssen. Nur so lässt sich die Gutheit der Person begründen, welche keine zufälllige oder zusätzliche Eigenschaft meines Lebens bedeutet, sondern deren Wesen als Lebensursprung und -identität.

4. Leiblichkeit und Leben

Ich kann alles durch äußere Umstände verlieren – bis auf meine Leiblichkeit, die selbst im Sterben ein Empfindenkönnen bleibt. Es gibt somit eine unaufhebbare Verknüpfung von Leben und Leib, so dass es nie einen Leib ohne Leben – und umgekehrt – gibt. Diese abgründige und letzte Verknüpfung unserer Existenz bildet meine unverwechselbare Individualität vor allen sichtbaren Identifizierungen, denn die Weise leiblichen oder sinnlichen Empfindens ist immer nur meine Weise zu empfinden. Im Unterschied zum wahrnehmbaren objektiven Körper, der heute Gegenstand vielfältigster Manipulationen ist, bedeutet diese innere oder rein phänomenologische Leiblichkeit daher die unaufkündbare Lebensaffektion in ihrer Absolutheit. Denn das Leben affiziert sich als mein subjektiver Leib in der sinnlichen Materialität oder Fleischlichkeit des Empfindenkönnens, welches alle Weisen und Stufen meiner Existenz bestimmt.

In diesem Sinne ist "Fleisch" als radikal subjektiver oder innerer "Ur-Leib" die eigentliche Geburtsstätte aller Affekte, Gefühle und Handlungen. Indem der Leib in seiner phänomenologischen Fleischlichkeit mit der reinen Passibilität des Lebens in dessen Ursprung identisch ist, wird hieraus der Trieb geboren. Denn das Leben als das ständig sich selbst empfindende Leben ruht ausschließlich auf sich selbst und möchte sich von diesem Gewicht befreien – weshalb diese Bewegung der Trieb als Bedürfen, Begehren, Wollen und Anstrengung bis hin zum Tun ist. Der Trieb agiert daher niemals blind oder chaotisch, sondern er folgt der inneren Gefühlsverwandlung als der ihm eigenen Geschichte subjektiver Selbststeigerung, genannt Historialität.

Angst und Liebe sind dabei die beiden Grundoffenbarungen des Triebs als fleischlicher Materialität der inneren Selbstbe­wegung des Lebens. Die Angst, sich selbst nicht entsprechen zu können, das heißt, das Leben nicht zur seiner ihm eigenen Ent­faltung gelangen zu lassen, ist nur möglich, weil sich das Leben in der Absolutheit seiner Selbstumschlingung ohne jede innere Distanz liebt. Es liebt sich derart, dass es nur sich selbst wollen kann, und genau diese reine Selbstliebe wird zur Angst des Triebs, dem Wesen solcher Selbstaffektion entsprechen zu können oder nicht. In der Erotik möchte sich der jeweilige Trieb dort vollenden, wo der Andere in die Nacht seiner eigenen Lebensaffektion eingetaucht ist. Da sich aber keiner dem Anderen substituieren kann, mit anderen Worten die Lust nicht dort empfindet, wo (und wie) der Andere sie empfindet, wird der erotische Lebensaustausch an sich in der Liebe ergänzt, welche jene ebenso abgründige wie unaufhebbare Einmaligkeit des Anderen bejaht. Dies ist auf alle Begegnungen, Beziehungen und Gemeinschaftlichkeiten prinzipiell übertragbar.

Weil also Leiblichkeit als rein affektive Lebensoffenbarung mit dem Werden und Wandel der Gefühle identisch ist, welche zugleich die jeweilig unzerreißbare Lebensgewissheit bedeuten, kennt unser subjektives Leben eine innere Geschichtlichkeit vor jeder Biographik als erzählte und interpretierte Geschichte unserer Existenz. Diese innere Geschichte als Historialität (Begriff, um sie nicht mit der äußeren Geschichte zu verwechseln) ist ebenfalls ohne Zeit. Sie meint den reinen Übergang des jeweiligen Empfindens in die unterschiedlichen Gefühlsfärbungen, welche das Werden des absoluten Lebens in uns selbst bedeuten. So flüchtig diese Gefühlsverwandlungen für unsere Wahrnehmung auch sein mögen, so bilden sie in ihrem ständigen Wandel dennoch die einzige Gewissheit, welche uns nie fehlen wird, solange wir Lebendige sind. Kunst und Kultur, aber auch Religion, Ethik und Alltäglichkeit, haben diese rein phänomenologische Ge-gebenheit zu ihrem Gegenstand – und nicht die Objektivität der Vorstellung, die abstrakt bleibt. Die Praxis der Lebensphänomenologie versucht diesen Übergang von der fixierten Objektivität der Welt wie der eigenen Person zur reinen Subjektivität hin (wieder) zu ermöglichen, weil sie immanent voraussetzt, dass kein Gefühl in sich blockiert bleibt, sondern der unverliebaren Historialität des Lebens von Schmerz/Freude usw. folgt.

5. Praxis der Lebensphänomenologie und "Therapie"

Ist Lebensphänomenologie als Praxis das Hören auf das innere Sich-selbst-Sagen des je individuellen Lebens, dann kann ihr Ausgangspunkt keine "Pathologie" sein, sondern nur die Selbstmodalisierung der subjektiven Verwandlungen. Wo diese gehemmt oder verzerrt erscheinen, weil das Leben aus sich selbst heraus nicht mehr zu seiner an sich gegebenen Selbststeigerung als Trieb, Bedürfen, Begehren, Wollen und Tun gelangt, bleibt jedes "Heilen" ein kultureller Weg, diese Weisen des "Nicht-Könnens" auf das unverlierbare Können zurückzuführen – und zwar ausschließlich als je eigene innere Verwandlung. Entsprechend verhält es sich mit der "Lebensphänomenologie als Praxis", welche jedoch ohne therapeutische Sonderintention das je individuelle wie gemeinschaftliche Leben in seinem Selbstverständnis begleitet.

Kennt eine radikale Lebensphänomenologie mithin kein "krankes Leben" im Sinne einer prinzipiell nicht stattfindenden Selbstaffektion, dann kann sie für sich auch keine theoretischen Anleihen bei Psychologie oder Medizin machen, die immer schon von einem objektiviert oder empirisch beurteilten Leben ausgehen. Das heißt nicht, dass die Erkenntnisse dieser Wissenschaften oder Verfahren verkannt werden, aber sie bilden nur ein Hintergrunds- oder Hilfswissen, das auf seine originären Möglichkeiten und Fundierungen hin zu befragen ist. Was nämlich letztlich als so genannte "therapeutische Methode" bleibt, ist der reine Austausch zwischen (zwei) Lebendigen, die beide in gleicher Weise in dieselbe Lebenspassibilität eingetaucht sind, ohne daraus ein Wissen für oder über den Anderen ableiten zu können. Lebenspraktischer Austausch meint daher das Vorwärtsschreiten in ein und derselben Lebensgewissheit, die sich rein mit-pathisch erschließt. Denn Mit-pathos als inneres Austauschgesetz des Affektiven bedeutet, daß in meiner selbstempfundenen Zugänglichkeit zum Leben auch die Zugänglichkeit des "Anderen" zum Leben mitgegeben ist und somit ein gleichursprüngliches "gemeinsames" Lebenswissen als "Einfühlung" existiert, welches einer dem anderen ohne Letztanspruch auf "objektives Wissen" mitzuteilen vermag.

Natürlich kann in Extremformen des Leidens wie schweren Depressionen und Traumatisierungen ebenfalls ein Stützen und Begleiten gegeben sein – aber so, dass die Stimme des eigenen Könnens niemals verbogen oder verschüttet wird. Die reine Ermutigung zum subjektiven Empfinden bestärkt hier keinen "Narzissmus", sondern es findet ein grundsätzliches "Bündnis mit dem Leben" im Anderen statt, welches sich so (noch) nicht selbst annehmen kann. Sofern das Leben immer auch "Verdrängung" beinhaltet, weil es das augenblickliche Befinden an "Lust" zugunsten seiner eigenen Selbststeigerung aufhebt oder aufschiebt, gehört diese Art von Verdrängung zum inneren Gesetz des Lebens. Sie ist von der "Neurose" insofern zu unterscheiden, als letztere dem Wandlungsgesetz von Freude/Schmerz nicht zustimmen will und in einer (fixierten) Einseitigkeit des Erlebens verharrt. Bei der Scham ist die behütende und verbergende Scham zu unterscheiden: Da das rein innere Leben niemals in der Welt zu erscheinen vermag, gehört solch behütende Scham zu seinem innersten Wesen, während das "Verbergen" zumeist auf Schuld- und Gewissensfragen verweist. Letztere gehören im engeren Sinne zu einer existentiellen Orientierung des Lebens, denn im Augenblick jeden Empfindens als solchem ist das Leben unschuldig und unterliegt auch nicht der Intentionalität des Gewissens im Sinne einer Norminstanz.

Jede Existenzanalyse als Sinnfindung über die personale Gewissensverantwortung setzt folglich die reine Lebensphänomenalisierung notwendigerweise voraus und baut darauf auf. Denn insoweit sich im Sinn Werte erschließen, die an die Intuitionskraft des Gewissens gebunden sind, ist es in letzter Konsequenz das je subjektive Leben, welches über sein Empfinden entscheidet, was ihm nützlich, werthaft und sinnvoll erscheint. Die Psychoanalyse – sowie andere Tiefenpsychologien – können eventuell dort in Anspruch genommen werden, wo der Affekt als solcher zunächst überhaupt erschlossen werden muß, insofern er in seiner subjektiven Wahrheit bisher "unbewusst" oder "verdrängt" war. Jedoch gelten nicht die psychoanalytischen Konstrukte von libidinösen Urszenerien, Mythen oder Komplexen und die Widerstandstheorie, da sie unphänomenologisch bei einem sich selbst unbekannten oder undurchsichtigen affektiven Leben ansetzen, welches es als solches nicht gibt. Analoges lässt sich von jeder anderen Therapieform sagen. Gibt es nämlich lebensphänomenologisch keine absolut zählende Methodenvorgabe, so hebt dies zugleich jede unkritische Theorieabhängigkeit auf. Insofern ist die "Praxis der Lebensphänomenologie" keine besondere oder allgemeine Therapieform, sondern die grundsätzliche Möglichkeit, wie jedes Individuum mit seinen Realitäts- und Gemeinschaftsbezügen zu seinem ihm eigenen inneren Verstehen gelangen kann.

6. Wert, Sinn und Ethik

Ist das Ich über die Selbstaffektion so an das Leben gebunden, daß es sich niemals in seinem Empfinden davon mehr zu lösen vermag, dann ist damit eine Selbstbindung im Leben gegeben, die stärker nicht sein kann. Jeder Wert oder Sinn, der als Transzendenz in der Welt wahrgenommen wird, gründet auf dieser inneren absoluten Affektion, so dass jede Ethik der freien Stellungnahme darauf aufbaut. Sich selbst nicht verlassen zu können, weil die ursprüngliche Passibilität des Lebens es nicht zulässt, ist mithin stärker als jede Freiheit, die zudem das Vollziehenkönnen ihrer Handlungen voraussetzt. Ethik kann deshalb letztlich nicht normativ sein, sondern sie ist originäres Lebensethos, was man dann als "Gewissen" insofern bezeichnen kann, sofern darin das Leben als das affektiv Gewisseste zum Ausdruck kommt (vgl. 1: Selbstgewissheit).

Gründet also jeder Wert im sich selbst wollenden und liebenden Leben, dann sind alle Werte nicht in eine bloß unbewusste Sublimierung oder Realitätsanpassung des Ich bzw. in personale Sinnmotivationen eingebettet, sondern in die immanente Selbststeigerung des Lebens. Sofern dieses sich in allem als das "Mehr" seiner selbst erfahren will, erfährt es sich als die Verwandlung zu einem je intensiveren Fühlen, Denken wie Handeln. Und da diese Intensität ohne vorher angebbare Grenze ist, insoweit das individuierte Leben kein vorgegebenes Modell kennt, vollzieht sich darin die reine Selbstoffenbarung des Lebens so, dass es sich selbst in seinem eigenen Ursprung als das Absolute ergreift. Dies lässt sich mit der Tradition "Gott" nennen, obwohl es sich um keinen vorgestellten Gott mehr handelt, sondern um die Identität des absoluten Lebens selbst mit seiner inneren Lebensselbstzeugung, welche alle Kraft und Mächtigkeit in Welt und Existenz gründet.

Da dies kein dogmatischer Glaube ist, der von einem vorgegebenen Inhalt abhängt, sondern die radikal phänomenologische Wirklichkeit eines jeden Vollzugs von uns selber bildet, können solcher "Glaube" und die ihm entsprechende "Ethik" inhaltlich dem je subjektiven Empfinden und Wissen überlassen bleiben. Dies ist weder Relativismus oder Beliebigkeit, weil die ursprüngliche Selbstgebung des Lebens als das Absolute nicht in Frage gestellt werden kann. Denn auch unser Tun wird letztlich nicht von einem abstrakten Gedankeninhalt her motiviert, sondern allein mit Hilfe der inneren Übereinstimmung des je Lebensmöglichen, welches sich affektiv ankündigt und als Bedürfen, Begehren usw. bündelt. Ist das absolut phänomenologische Leben in der Tat absolute Selbstbindung an sich selbst, was als der unerschütterliche Glaube des Lebens an sich selbst zu bezeichnen ist, dann bedeutet andererseits eine vermeintliche Loslösung von solch innerer Bindung ohne jede Distanz zumeist einen Prozess der Selbstabdankung. Letztere will die Verwirklichung der je individuellen Subjektivität nicht mehr auf sich nehmen, weil sie zu unerträglich auf sich selbst lastet. Fremdhörigkeit, Sucht, Gewalt in jeder Form usw. sind dann Formen solcher Selbstabwendung vom Leben, die zugleich das kulturelle Werden der inneren subjektiven Praxis als Verfeinerung und Intensivierung des Lebens erschweren oder sogar verhindern.

7. Kultur und Lebenswelt

Wenn wir die "Praxis der Lebensphänomenologie" schließlich als ein kulturelles Tun bestimmen, so ruht der Grund dafür in der genannten Intensivierung der Subjektivität als Verwirklichung des absolut phänomenologischen Lebens. Von einer rein psychologischen oder individualistischen "Selbstverwirklichung" unterscheidet sich die lebensphänomenologische Analyse und Praxis insofern, als alle Dimensionen des Lebens in ihrer gleichzeitigen Gegebenheit zu einer kulturellen Weiter- wie Höherentwicklung hinstreben. Daher sind Mitpathos als Begegnung und gemeinschaftliches Sein in einer originären Gemeinschaftlichkeit des Lebens ohne jede Diskriminierung nicht auszuschalten, sondern sie gehören zum Wesen eines jeden Lebens und Handelns.

Die großen kulturellen Formen der Menschheitsentwicklung, um die je subjektive und gemeinsame Steigerung des Lebens zu vollziehen, waren Religion, Ästhetik und Wissenschaft, neben der schon genannten Ethik. In ihnen wurden konkret gangbare Wege vorgezeichnet, um die fleischliche oder affektive Nacht der Subjektivitäten als effektiv erprobte Möglichkeiten zu leben. Und dazu lassen sich auch Pädagogik, Wirtschaft, Politik usw. zählen, denn in diesen Bereichen wird über die einfühlende Nachahmung und Neuentdeckung von großen kulturellen Lösungen das Lebensnotwendige (Produktion) ins Lebenssteigernde (Konsumtion) überführt. Alle sozialen Bildungen von Paaren, Gruppen und Gesellschaften haben daran Anteil, um die innere Historialität in eine Geschichtlichkeit und Zukunft zu überführen, welche dem inneren Begehren und Wollen des je individuellen wie gemeinschaftlichen Lebens entspricht.

Insofern im modernen technischen Wissenschaftswissen die Subjektivität als an sich grundlegender Wahrheitszugang methodisch ausgeschaltet ist, sind Zweifel anzumelden, ob eine wirkliche Lebenskultur in Zukunft noch möglich sein wird. Die technischen Vorrichtungen legitimieren und globalisieren sich allein aus sich selbst heraus, so dass sie prinzipiell keine andere kulturelle oder ethische Bewertungsinstanz mehr anerkennen. Lebensphänomenologie als Praxis kann demgegenüber ein Korrektiv sein, indem es ihr nicht primär um Systemanpassung und -maximierung geht, sondern um die "Wiedergeburt" jener subjektiven Kräfte und Vermögen, die allein ein reelles Über-leben vom Ursprung des Lebens selbst her gewährleisten können.